Wir empfehlen im Oktober:


 Mirjam Alberti: Max Scharnigg „Der restliche Sommer“
Campe Verlag, gebunden, 239 Seiten
ISBN 978-3-455-40494-4, 20,- €

 

Wie schön wäre es, wenn Pauls Sommer nur immer so weiter gehen würde.

 

Verliebt reist er mit Sara durch Portugal. Ihre Handys haben sie ins Meer geworfen, vielleicht kehren sie auch nie zurück. Das Geld fließt ja auch kontinuierlich, denn Paul schreibt die Kolumne von August Sternberg, Benimmlehrer und Berater für alle Fragen der Etikette. Dass vielleicht bei ihm im Strandlokal doch mal eine Stückchen Knöchel zu sehen ist und das Hemd nicht perfekt gebügelt ist, das sieht ja keiner.


Doch Zeiten ändern sich, in der Redaktion wird die Bedeutung von Printprodukten diskutiert, junge Frauen rebellieren gegen altmodische Ansichten und Interviews bekommen als Hashtags Explosivkraft.


Charmant und unaufgeregt erzählt Max Scharnigg von Paul und von Menschen, die mit ihm verbunden sind. Mit Augenzwinkern deckt er ihre süßen Träumereien auf und bugsiert seine Protagonisten in die heutige Lebenswelt. Eine beglückende Lektüre.

 

 

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 Jeanette Jung: Nina und Karl-Heinz Zacher mit Dorothea Seitz „Such dir einen schönen Stern am Himmel“ - Krankheit ALS - Die Geschichte eines Abschieds
Fischer Verlag, kartoniert, 2018, 277 Seiten
ISBN 978-3-596-70131-5, 14,99 €

 

Wie ist es, wenn sich schlimmste Befürchtungen bewahrheiten und von einem auf den anderen Tag nichts mehr ist, wie es war? Wenn „mitten im Leben“ auf einmal feststeht: Meine Tage hier auf der Erde sind gezählt, mein Leben geht schon bald unwiderruflich zu Ende?

 
Nina Zacher erkrankt mit Anfang 40 unheilbar an ALS. Die Muskeln versagen nach und nach, der Geist aber bleibt hellwach. Sie zieht sich jedoch in dieser hoffnungslosen Situation nicht zurück. So lange es ihr möglich ist, lassen Sie und später ihr Mann uns an ihrem Schicksal teilhaben. Obwohl dadurch ein sehr trauriges Buch entstanden ist, zeigt uns Nina Zacher damit gleichzeitig, wie wertvoll und kostbar unser Leben hier auf der Erde ist. Die Lektüre erzeugt eine tiefe Dankbarkeit über jeden Tag, der uns geschenkt ist.

 
Dabei bleiben die Autoren stets unsentimental und klar. Die Zachers wollen mahnen und wachrütteln, damit wir bewusst „unseren Weg“ im Leben gehen, denn jeder Tag ist unendlich wertvoll. Nina Zacher lässt dabei auch ihrem Zorn freien Lauf: Dem Zorn darüber wie wir mit Menschen umgehen, die eine Beeinträchtigung haben. Ebenso schildert Sie den Frust und die Trauer, denn sie wird nicht mehr miterleben, wie ihre Kinder aufwachsen. Dieses Buch ist ein Wellenbad der Gefühle. Eine sehr intensive Leseerfahrung, die ich Ihnen unbedingt ans Herz lege!

 

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 Frank Schwarz:  Leon de Winter „Geronimo“
Diogenes Verlag, Taschenbuch, 445 Seiten, 2017
ISBN 978-3-257-24422-9, 13,- €

 

Leon de Winter: Geronimo. Roman. Diogenes Verlag 2017, Taschenbuch.445 Seiten. 13€
ISBN 978-3-257-24422-9
 
Ein Buch über Menschen, die überzeugt sind, das Richtige zu tun und am Ende mit den unabsehbaren Folgen ihres Handelns leben müssen. Es war ja  nur eine Schnapsidee, die die betrunkenen Mitglieder einer amerikanischen Anti-Terror-Einheit bei einem Grillabend ausbrüten: was wäre, wenn der Top-Terrorist Osama bin Laden heimlich entführt und als Infoquelle genutzt werden könnte, statt seinen Tod bei der Ergreifung billigend in Kauf zu nehmen? Es kam anders, wie wir wissen: bin Laden wurde beim Einsatz getötet, der Rest ist Geschichte.


Oder. Oder?? In Leon de Winters Roman sucht ein ehemaliger Angehöriger der Spezialkräfte nach der Wahrheit. Lebt der Terrorist noch? Wer verhört ihn? Was sich wie eine haarsträubende Verschwörungstheorie anhört, ist eine komplexe Geschichte um Wahrheit, Schuld und Verantwortung. Der Amerikaner schenkt einem afghanischen Mädchen die Freude an klassischer Musik und löst einen Strudel aus Glück, Gewalt und Leid aus.

 

Eine atemberaubende Geschichte, die man als große Erzählkunst würdigen oder als Politkitsch verwerfen kann. Urteilen sie selbst.


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Wir empfehlen im September:


 Mirjam Alberti: Wolf Haas „Junger Mann“
Hoffmann & Campe Verlag, gebunden, 240 Seiten
ISBN 978-3-455-00388-8, 22,- €

 

Er ist ein bisschen zu dick und ein bisschen zu jung für sie.
Sie ist ein bisschen zu schön und ein bisschen zu verheiratet für ihn.
Aber sonst läuft es perfekt.


Wolf Haas erzählt vom Sommer eines 13jährigen…

 

Sein Ferienjob an der Tankstelle bringt Bewegung in sein Leben und gipfelt schnell in einem skurrilen Roadmovie nach Griechenland mit dem Lastwagenfahrer Tscho.

 

Frisch und lebendig erzählt Wolf Haas diese Coming of Age-Story – ein wunderschönes Sommerbuch.

 

 

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 Frank Schwarz:  Mick Herron „Slow Horses. Ein Fall für Jackson Lamb“
Diogenes Verlag, gebunden, 472 Seiten, 2018
ISBN 978-3-257-07018-7, 24,- €

 

Wieder mal ein Werk, das so durch und durch british wirkt, dass die deutsche Übersetzung acht Jahre warten musste. Aber es ist  auch etwas sperrig und exzentrisch. Eine exzellente Wiedergeburt des Agentenromans, nur sind diesmal  die Agenten im Lande tätig. Und sie sind Versager.
Die „Slow Horses“ des MI5 sind Agenten des Inlandsgeheimdienstes, die einen Einsatz an die Wand gefahren haben. Weil man sie nicht sofort rauswerfen kann (Vater oder Großvater war mal ein großer Name in der Firma) werden sie im „Slough House (Drecksloch) in einem sehr unattraktiven Gebäude in der Londoner Innenstadt mit unsinnigen Aufgaben betreut. Jackson Lamb ist der Chef dieser Abteilung. Rülpsend und furzend  zieht dieses Unikum eine Schneise durch seine undurchsichtigen Fälle. Hier hat jeder Mitarbeiter Dreck am Stecken und es gibt keinen Grund,  stolz auf diesen Posten zu sein.
In diesem Buch folgen wir River Cartwright auf der Suche nach einem entführten pakistanischen Jugendlichen, den britische Neonazis entführt haben und mit Enthauptung drohen. Fake, Inszenierung oder die Wahrheit. Ein Erfolg könnte Cartwright aus dem „Slough House“ herausbringen. Er riskiert viel in diesem Fall…
Ein sehr origineller Agentenroman nicht nur für Anglophile.


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 Jeanette Jung: Armando Lucas Correra „Das Erbe der Rosenthals“
Lübbe Verlag, gebunden, 2018, 417 Seiten
ISBN 978-3-7857-2602-0, 20,- €

 

Das Berührende an diesem Roman sind die tatsächlichen geschichtlichen Ereignisse, die ihm zugrunde liegen. 1939 nimmt ein Luxuskreuzfahrtschiff Kurs auf eine ganz unluxuriöse Fahrt von Deutschland nach Kuba. Die „St. Louis“ hat über 900 Passagiere an Bord. Juden, die viel Geld ausgegeben haben, um aus Deutschland zu fliehen. Der Autor hat die Irrfahrt dieses Dampfers als Grundlage für seine Geschichte gewählt. Die Erzählerin der Geschichte ist die 11-jährige Hannah. Nach beklemmenden Szenen in Berlin, wo die Luft auch für reiche und bisher angesehene Juden wie die Rosenthals immer dünner wird, erleben wir Hoffnung und Tragik der Reise und der Ankunft in Kuba mit. Gerade aus der Sicht des jungen Mädchens graben sich die geschilderten Ereignisse beim Lesen tief ein.
In einer zweiten Zeitebene macht sich die fast gleichaltrige Enkelin von Hannah, deren  Vater beim Einsturz der Twin-Towers ums Leben kam, im Jahr 2014 zusammen mit ihrer Mutter auf die Spurensuche der Familie nach Kuba. Immer im Wechsel erzählen die beiden Mädchen und so nach und nach entwirren sich die verschlungenen Familiengeheimnisse. Ein sehr eindrucksvolles Buch, das mich noch lange, nachdem ich die Lektüre beendet hatte, beschäftigt hat. Der Autor hat das Buch zwischendrin ergänzt durch „echte“ erhaltene Telegramme an die St. Louis und im  Anhang durch eine Schilderung der tatsächlichen Ereignisse im Jahr 1939. Zusätzlich finden sich  in den Innenseiten des Buchumschlages die Unterschriften der Passagiere, die hofften mit der St. Louis in die Freiheit zu gelangen. Eine ergreifende Lektüre, die ich Ihnen ganz unbedingt ans Herz lege!

 

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Wir empfehlen im August:


 Frank Schwarz:  Sarah Perry „Die Schlange von Essex“
Eichborn Verlag, gebunden, 492 Seiten, 2017
ISBN 978-3-8479-0030-6, 24,- €

 

Der kleine Küstenort Aldwinter im Jahre 1893. Ein Gerücht geht um. Die „Schlange von Essex“ sei zurück, ein geflügelter Drache aus dem dunklen Wasser des Meeres, der schon im Mittelalter die Menschen in Furcht und Schrecken versetzte.  Cora Seaborne ist nach dem Tod ihres Mannes frei, ihren Interessen zu folgen und möchte unbedingt dieser Spur nachgehen, wer weiß, vielleicht lebt eines dieser Vorzeitungetüme noch, von denen in letzter Zeit die Rede ist. In Aldwinter begegnet Cora dem örtlichen Geistlichen, der das Gerücht mit allen Mitteln bekämpft. Sie werden sich schätzen und lieben lernen.
Dieser Roman ist in keine Schublade zu stecken. Er ist natürlich zuerst ein historischer Roman über die viktorianische Zeit, aber er ist mit modernen Mitteln erzählt. Er hat vieles von einem Schauerroman, spielt aber eher mit gruseligen Stimmungen und Landschaftsbeschreibungen. Ich hätte nicht gedacht, dass eine Küste im Nebel so starke Effekte auslösen kann. Es ist auch ein grossartiger Liebesroman, der seinen Figuren sehr viele Nuancen der Gefühle zugesteht. Und er hat eine Fülle von unvergesslichen Nebenfiguren und Handlungen, den Großromanen von Charles Dickens und Wilkie Collins gleich. Dieses Buch ist mit dem Buchpreis für den besten Romans des Jahres in Großbritannien ausgezeichnet worden. Keine leichte Lektüre, aber sehr lohnend.


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 Mirjam Alberti: Judith Stoletzky mit Fotos von Markus Abele „Yoga while you wait“
bjvv-Verlag, 96 Seiten
ISBN 978-3-95453-147-9, 16,- €

 

Omshantischubidubidu. Mit herrlich ironischen Bildern empfiehlt dieses Buch Wartezeiten als Chance zu nutzen. Der Feuerwehrmann, der auf den Einsatz wartet, kann die Yoga-Übung " Der Held " praktizieren. In der Toilettenschlange bietet sich der "Adler" an.

 

Der Fotoband kombiniert kunstvolle, witzige Bilder mit treffenden Titeln. Dazu wird dann ganz sachlich die Yoga-Übung erklärt. Vor allem aber lädt dieses humorvolle Kunstbuch dazu ein, mal wieder herzlich zu lachen. Mir ging es zumindest so, probieren Sie es doch auch einmal aus!

Mit seiner niveauvollen Ironie ist es als Geschenk für Yoga-Freunde geeignet. Ganz ohne Lotusblüten und kitschige Naturfotos aus dem Photoshop ist es eine echte Ermutigung Yoga in den Alltag einzubauen.

Doch auch wer kein Yoga praktiziert und die aktuellen Lifestyle-Modetrends mit Ironie betrachtet wird dort reichlich Stoff für gekonnte Witzeleien finden.

 

 

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 Jeanette Jung: Vanessa Montfort „Frauen, die Blumen kaufen“
Thiele Verlag, gebunden, 2018, 480 Seiten
ISBN 978-3-85179-400-7, 20,- €

 

Mein ultimativer Sommertipp: Nach langer Zeit für mich endlich mal wieder ein Frauenroman, noch dazu ein wunderschöner mit viel Potential zum Nachdenken (vor allem für Frauen natürlich)!!!
Marina, die Ich-Erzählerin lebt in Madrid und versucht den Tod Ihres Mannes zu verwinden. Sie streift durch die Straßen und landet im „Garten der Engel“,  einem verwunschenen Blumenladen auf einem uralten ehemaligen Friedhof.
Olivia, die Inhaberin, stellt die unsichere und in sich gekehrte Marina umgehend als Mitarbeiterin an. Dadurch kommt nicht nur in Marinas Leben viel ins Rollen. Vier weitere Frauen, die regelmäßig im „El Jardin del Angel“ als Kundinnen aus und ein gehen, stehen an Scheidepunkten in ihren Leben. Geschickt versteht es Olivia, die Frauen zusammenzubringen und Freundschaften zu stiften. Diese Freundschaften sind sehr bereichernd für jede Frau auf dem Weg in ein neues unbekanntes Lebensland.
Die lebhaften Diskussionen zwischen den ganz unterschiedlichen Frauen im Alter zwischen vierzig und fünfzig haben mich sehr inspiriert und zum Überdenken eigener Erlebnisse gebracht. Und es wird viel überlegt und gesprochen in diesem Buch – gerade so wie im richtigen Leben zwischen uns Frauen!Als besonderen  Moment hat es die Autorin sich nicht nehmen lassen, selbst aufzutreten in dieser Geschichte. Und am Ende hält das Buch eine anrührende Überraschung für die Leserinnen bereit.

 

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Wir empfehlen im Juli:


 Jeanette Jung: Rana Ahmad „Frauen dürfen hier nicht träumen“
btb Verlag, kartoniert, 2018, 317 Seiten
ISBN 978-3-442-75748-0, 16,- €

 

Erschreckend, ernüchternd, berührend und manchmal nur in Häppchen genießbar: So liest sich die Lebensgeschichte von Rana Ahmad bis zur Ihrer Flucht nach Deutschland.
Saudi-Arabien glitzerndes, reiches Land, gleichzeitig das Land in dem Frauen aber auch gar nichts zu melden haben. Selten wurde mir das in dieser Deutlichkeit klar. Es fällt mir bei der Lektüre dieser Autobiografie schwer die aufkeimende Wut auf solche Ungerechtigkeit zu zügeln. Mädchen, die sich schon im Kindesalter verhüllen müssen, unerfahrene junge Frauen, die von Männern ausgenutzt werden und deren Leben anschließend zerstört ist, Zwangsehen, Frauen, die nur in Begleitung eines männlichen Familienangehörigen aus dem Haus dürfen und dann nur totalverschleiert, Frauen, die nicht arbeiten, nicht studieren, nichts selbständig entscheiden dürfen, wenn der Mann das nicht wünscht – und dass er das nicht wünscht ist die Regel. Und so weiter und so weiter. Dieses Land ist kein Deut besser als andere islamisch geprägte Staaten. Nur hört man nicht viel davon, denn schließlich will es sich der Westen mit den reichen Saudis nicht verscherzen… Hier werden wie an anderer Stelle auch die Rechte von Frauen mit Füssen getreten und die Welt schweigt. Der einzige Trost bei der Lektüre dieses Buches: Man weiß schon von Beginn an, dass es wenigstens diese junge Frau geschafft hat, dem allen zu entkommen. Vielen Dank für diesen mutigen Bericht aus dem Innern eines solchen Lebens. Ich wünsche Ihr, dass sich ihre derzeitige gänzliche Abkehr von jeglicher Religion doch noch wandelt, wenn sie ein weltoffenes und warmherziges Christentum in Deutschland kennen lernt.

 

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 Frank Schwarz:  Lucy Fricke „Töchter“ Bd. 1
Rowohlt Verlag, gebunden, 240 Seiten, 2018
ISBN 978-3-498-02007-1, 20,- €

 

Zwei Frauen brechen auf zu einer Reise in die Schweiz, mit einem todkranken Vater auf der Rückbank. Martha und Betty kennen sich seit zwanzig Jahren und entscheiden sich fürs Durchbrettern. Doch nichts endet, wie man es sich vorgestellt hat, und schon gar nicht das Leben. Und auf einmal sind sie auf einer Fahrt durch Italien und Griechenland auf der Suche nach Herkunft und Heilung. Mit einem Humor aus Notwehr und einer Wahrhaftigkeit, die weh tut, erzählt Lucy Fricke von einer grotesken Reise immer tiefer in die Abgründe der eigenen Geschichte.
Diese Erzählerin hat einen umwerfend trockenen Humor. Vergleiche mit „Thelma & Louise“ oder „Tschick“ verbieten sich die beiden Frauen selbst, denn „wir sind nicht mal unterdrückt“. Dafür lastet das Gewicht des Lebens auf ihnen. Superbuch, ich freue mich auf die Lesung am 30.11.18 in der Stadtbücherei Neustadt.
 
Lucy Fricke ist 1974 in Hamburg geboren und für ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet worden. Sie veranstaltet seit 2010 HSM.LIT, das erste Hamburger Fesival für Literatur und Musik. "Töchter" ist ihr vierter Roman.


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Wir empfehlen im Juni:


 Frank Schwarz:  Virginie Despentes „Das Leben des Vernon Subutex“ Bd. 1
Kiepenheuer & Witsch Paperback, 400 Seiten
ISBN 978-3-462-05207-7, 12,- €

 

Vernon Subutex sitzt auf der Straße. Er hat nach erfolgreichen Jahren seinen berühmten Plattenladen REVOLVER in Paris schließen müssen. Ein Opfer der Digitalisierung ist er geworden und war doch vorher ein bekanntes Mitglied des popkulturellen Establishments der französischen Metropole. Zum Glück kennt er noch einige alte Kumpels und verflossene Liebschaften, bei denen er einige Tage Obdach findet, bevor diese ihn in hohem Bogen wieder rauswerfen. Subutex ist kein angenehmer Zeitgenosse, das erfahren wir nebenbei. Da er die möglicherweise intime Lebensbeichte eines verstorbenen Popstars sein Eigen nennt, wird er zur gesuchten Person. Die Autorin Virginie Despentes zeichnet in diesem Roman ein schonungsloses Bild der französischen Gesellschaft. Wie in einem Reigen begegnen uns Menschen aus allen Schichten. Die Geschichte von Vernon Subutex umfasst mittlerweile drei Bände und ihre Autorin wird mit Balzac verglichen in ihrem Anspruch, die Sitten und Moral ihrer Zeit zu zeichnen. Ich empfehle Ihnen dieses große Werk sehr - es ist umwerfend!


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 Katharina Schütz: C. J. Tudor „Der Kreidemann“
Goldmann, 2018, gebunden, 384 S.
ISBN 978-3-442-31464-5, 20,- €

 

Ein Jahrmarktunfall, mit dem alles begann … ein Unfall … Ein Mord … 30 Jahre Zeit zum Aufarbeiten und Verdrängen … ein brauner Umschlag mit der Zeichnung eines gehenkten Kreidemännchens und einem Stück Kreide … und die Geschichte scheint sich zu wiederholen, oder war sie noch nie zu Ende?
Ed Adams, 42, Lehrer, Sammler, Erzähler der Geschichte, erhält eben einen solchen Umschlag und die Erinnerung an die Geschehnisse von damals blühen frisch auf. 1986 war er 12 Jahre und mit seiner Clique immer unterwegs und auf der Suche nach Abenteuern. Doch sie finden mehr, als sie sich erhofft haben und geraten mitten hinein in die Verwirrungen und Verstrickungen des Lebens, die auch Opfer fordern.
Die Erzählung und Aufarbeitung der Geschichte wechselt zwischen den Erinnerungen an 1986 und den Geschehnissen von 2016. Inzwischen erwachsen, versteht Ed einiges besser, ist nun selbst Teil der Welt der Erwachsenen mit all ihren Problemen, die damals noch von ihm ferngehalten werden sollten. Damals wie jetzt ist er aber auch ein Gefangener seiner Alpträume und seiner Entscheidungen.
C.J. Tudor versteht es, die Handlung spannend voranzutreiben, kleine Hinweise zu streuen, aber bis zum Schluss mit der Enthüllung der letzten wichtigen Details zu warten. Dabei gibt es kein endgültiges Gut und Böse, aber einige Überraschungen.Unbedingt empfehlenswert!     

 

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 Mirjam Alberti: Jessie Burton „Das Geheimnis der Muse“
Insel Verlag, Paperback, 455 Seiten
ISBN 978-3-458-36329-3, 14,95 €

 

Odelle zieht als junge schwarze Frau aus Trinidad in den 60igern nach London. Ein Job als Tippse ist das Höchste, was sie erwarten kann. Da ist es ein absoluter Glücksfall, dass sie den interessanten Job als Sekretärin im Museum bekommt. Nicht nur die Chefin ist eine ungewöhnliche Frau mit mehr als einem Geheimnis.
Olive zieht als Jugendliche in den 30igern mit ihrer Familie in die spanische Einöde. Die flirrende Hitze, das ferne Donnergrollen der Revolution und das Erwachsenwerden inspirieren sie für Ihre heimliche Leidenschaft: die Malerei.Jessie Burton hat einen mitreißenden Roman mit einer spannenden Handlung geschrieben. Lebendig und kunstvoll erzählt sie dabei von der europäischen Kunstszene in den 30iger um Peggy Guggenheimer, dem Leben auf dem spanischen Land und den swinging sixties in London. Doch vor allem erzählt sie von Frauen in der Kunst und ihrem schweren Stand dort.

 

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 Jeanette Jung: Jens Rosteck „Joan Baez - Porträt einer Unbeugsamen“
Osburg Verlag, gebunden, 2018, 357 Seiten
ISBN 978-3-95510-142-8, 24,- €

 

Pünktlich zur Abschiedstournee der „Grande Dame des Widerstandes gegen alles Unrecht“ legt der Osburg Verlag diese detaillierte Biografie vor. Ein absolutes „must-have“ für alle Fans von Joan Baez und solche, die es noch werden wollen.
Ich wusste zwar schon, dass es sich hier um eine politisch engagierte Sängerin handelt, aber mir war nicht bekannt, in welchem Umfang Joan Baez diesen Einsatz für Frieden und gegen Unterdrückung und Unrecht ihr ganzes Leben lang schon betreibt. Mich haben immer schon ihre glasklare Stimme und die Art der Musik sowie die Texte ihrer Lieder sehr berührt, doch erst mit der Lektüre dieses tollen Buches habe ich erfahren, wieviel mehr noch hinter all dem steckt. Jens Rosteck verwendet in vielen Kapiteln Detailinfos der Songs um die Lebenssituation dieser Ausnahmekünstlerin in der Lebenssituation aufzuzeigen als diese Lieder entstanden sind.
Mit der Lektüre dieses Buches wurde mir deutlich, dass der Schwerpunkt im Leben von Joan Baez von Anfang an auf Friedensarbeit lag und die Lieder immer nur ihr Mittel zum Erreichen eines gesteckten Zieles gewesen sind. Toll, wenn dabei eine so berührende Musik herauskommt!

 

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Wir empfehlen im Mai:


 Katharina Schütz: Celeste Ng (sprich: Ing) „Kleine Feuer überall“
dtv, 2018, gebunden, 384 S., ca. 21 cm
ISBN 978-3-423-28156-0, 22,- €

 

Es beginnt mit einem Feuer! Das Haus der Richardsons steht in Flammen, es brennt in jedem der sechs Schlafzimmer, drei der Kinder sitzen vorm Haus auf den Motorhauben ihrer Autos, nur die jüngste Tochter der Richardsons fehlt und allen ist klar: sie war es. Muss es gewesen sein, denn sie war schon immer etwas anders, aufmüpfiger, sonderlich, ein Problemfall!
Das mag auch alles zutreffen, rückblickend beschreibt Celeste Ng aber die Vorkommnisse dieses Frühjahres und blickt manchmal noch etwas weiter in die Vergangenheit und man beginnt zu zweifeln. In Shaker Heights, einem Vorzeigevorort von Cleveland, Ohio, ist alles geregelt, festgeschrieben oder in den Köpfen der Leute verankert. Mrs Richardson ist überzeugt, daß diese Regeln wichtig sind, die schwarz-weiße Sicht auf die Welt hilft ihr, darin zurechtzukommen. Doch ihre jüngste Tochter Isabelle ist ein Freigeist und scheut sich nicht davor, die Dinge zu hinterfragen. In den Monaten vor dem Feuer kommt einiges zusammen, was die ruhige Welt von Shaker Heights und das Leben der Richardsons durcheinanderwirbelt – kleine Feuer überall, die sich am Schluss fast zum Flächenbrand ausweiten.Celeste Ng fesselt einen mit ihrem Stil und ihrer fein durchdachten komplexen aber auch einfühlsamen Geschichte, die einen nicht nur einmal vor das Problem stellt, seine eigenen Überzeugungen und Regeln zu reflektieren und zu hinterfragen.

 

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 Frank Schwarz:  Luca D’Andrea „Das Böse es bleibt“ Thriller
DVA Deutsche Verlags-Anstalt. Paperback, 424 Seiten
ISBN 978-3-421-04806-6, 15,- €

 

Nach dem wunderbar spannenden Debut „Der Tod so kalt“ legt der Südtiroler Autor Luca D’Andrea nun seinen zweiten Thriller vor, mit dem er mich wieder absolut überzeugt hat.
Marlene ist auf der Flucht. Mit einem Beutel voll Saphiren, die sie ihrem kriminellen Ehemann entwendet hat, steuert sie panisch ihr Auto durch einen Schneesturm. Es sind die sechziger Jahre, und vom Boom der Region Südtirol wollen alle profitieren. Doch Marlene ist auf und davon, sie will das Mafia-Spiel nicht mehr mitspielen. Da stürzt ihr Wagen in eine Schlucht und sie erwacht in einer abgelegenen Berghütte, gerettet von einem wortkargen alten Bergbauern. Während der rasende Ehemann alles in Bewegung setzt, Marlene zu finden, ahnt diese, dass vom Einsiedler die größere Gefahr ausgeht…Ein temporeicher und sehr verblüffender Thriller. Luca D‘ Andrea mixt die Suche nach der Verschwundenen, der unsere Sympathie gehört, mit einer eiskalten Horror-Psychogeschichte. Immer in der Schwebe zwischen Rettung und Gefahr hängt hier alles am seidenen Faden. In einer lebensfeindlichen Umwelt kann jeder Fehler sofort die Hoffnung auf ein gutes Ende zunichte machen. Spannung, Gänsehaut, Entsetzen, alles garantiert. Und originell dazu. Lassen Sie es im Mai noch einmal richtig eisig werden bei dieser Lektüre.


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 Mirjam Alberti: Laetita Colombani „Der Zopf“
S.Fischer, gebunden, 288 Seiten
ISBN 978-3-10-397351-8, 20,- €

 

Ein bewegender Roman über drei Frauenschicksale.
Smita lebt in Indien und ist eine Unberührbare. Sie möchte ihrer Tochter diese vorprogrammierte Zukunft ersparen und sucht fieberhaft einen Weg in die Freiheit.
Giulia führt eine traditionelle Perückenmanufaktur auf Sizilien und muss einen effektiven Weg finden, um den Konkurs abzuwenden.
Sarah ist eine erfolgreiche Anwältin in Kanada. Doch eine Krankheit bewegt diese Karrierefrau dazu, ihren Lebensstil zu überdenken.
Mitreißend nehmen diese drei Frauen ihr Schicksal in die Hand. Seite um Seite überschlagen sich die Ereignisse und steuern auf den Wendepunkt im Leben dieser bewundernswerten Personen zu. So ist Laetitia Colombani ein berührender und leicht zu lesender Roman gelungen.

 

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 Jeanette Jung: Claus Cornelius Fischer „Commissaris van Leeuwen und das Mädchen mit der Silbermünze“
Thiele Verlag, kartoniert, 2018, 489 Seiten
ISBN 978-3-85179-405-2, 16,- €

 

Commissaris van Leeuwen ermittelt wieder, wie schön!  Der Thiele Verlag hat wohl beschlossen auf der derzeit so angesagten Welle der „Lokalkrimis“ mit zu reiten und die Krimis von Claus Cornelius Fischer mit seinem in Amsterdam ermittelnden Commissaris nach und nach wieder auf den Markt zu bringen. Begonnen hat der Verlag mit dem 5. Fall, der dieses Jahr erschienen ist, die weiteren sollen folgen. Man kann bedenkenlos mitten in der Reihe einsteigen, insofern starten Sie einfach hier. Allerdings gilt zu wissen, dass es dieses Buch zuvor unter einem anderen Titel gab, nämlich mit dem Mädchen mit der Silberraupe – also obacht, nicht dass Sie das gute Werk doppelt zuhause haben. Claus Cornelius Fischer schreibt spannend mit rasantem Tempo und hat trotzdem Zeit die einzelnen Charaktere gekonnt zu entwickeln. Bereits nach wenigen Seiten hat mich das Buch – so wie bei den anderen zuvor auch – in seinen Bann geschlagen: Alles passiert gleichzeitig: ein Gefängnisinsasse hat Geiseln genommen und will nur mit dem beurlaubten van Leeuwen sprechen, ein Mädchen „fällt“ aus einem Fenster und Frau und Sohn eines Bankiers werden gemeinsam mit dem Liebhaber der Frau erschossen. Van Leeuwen findet den Zusammenhang zwischen diesen Gräueltaten. Sein Weg führt ihn zu einer Reederei, die zwielichtige Geschäfte betreibt. Spannung auf höchstem Niveau garantiert!

 

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