Wir empfehlen im September:


 Mirjam Alberti: Valeria Parrella „Liebe wird überschätzt“
Hanser Verlag, gebunden, 2017, 144 Seiten
ISBN 978-3-446-25650-7, 18,- €

 

Valeria Parrella, „Liebe wird überschätzt“, Hanser Verlag, gebunden, 144 Seiten, ISBN 978978-3-446-25650-7, 18€
Die neue italienische Autorin Valeria Parrella hat bei Hanser den schönen Band mit Erzählungen „Liebe wird überschätzt“ veröffentlicht. Acht unterschiedlichste Erzählungen, die lebendig und nah Szenen aus unserer Lebenswelt zeichnen.
Oft haben Kurzgeschichtenbände ihren Reiz darin, dass in einem Band Variationen ähnlicher  Themen und Erzählperspektiven versammelt sind. In diesem Band überrascht die Autorin damit, dass jede Geschichte so anders ist. Sie schafft es eindrucksvoll sich in die unterschiedlichsten Persönlichkeiten und Lebenssituationen hinein zu versetzen.Tochter und ältere Mutter, eine Äbtissin im Kloster, ein lebenslang verurteilter Mensch…. Jede Geschichte hat ihre eigene Intensität und ihren eigenen überraschenden Gedanken.

 

 

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 Jeanette Jung: Emmanuelle Pirotte „Heute leben wir“
Fischer Verlag, gebunden, 2017, 287 Seiten
ISBN 978-3-10-397211-5, 20,- €

 

„Heute leben wir“ spielt im Kriegswinter 1944 in den Ardennen. Die beiden Hauptfiguren könnten verschiedener nicht sein: Renée eine 7jährige Jüdin, ohne Eltern, die von verschiedenen Menschen immer wieder vor den Deutschen versteckt wurde und nun doch einem deutschen SS-Mann (Matthias) in die Hände gerät. Der hat eigentlich mit seinem Leben abgeschlossen. Er erscheint eiskalt und abgeklärt. Bis er in die Augen von Renée blickt, gerade als er sie erschießen soll.
Und diese kleine Renée wird ihn nicht mehr loslassen, das ganze Buch hindurch nicht. Ich habe viel gelernt beim Lesen dieser Geschichte. So wusste ich nicht, dass es deutsche SS-Männer gab, die als Amerikaner getarnt in Frankreich unterwegs waren und mit dieser Verkleidung versuchten, die Macht der Franzosen von innen heraus aufzubrechen. Matthias ist so einer…
Die Geschichte ist sicherlich autobiografisch gefärbt, denn die Großeltern der Autorin haben ein jüdisches Kind vor den Nazis versteckt. Die Handlung ist – wie kann es in diesem Krieg anders sein – teilweise sehr brutal dargestellt, hat aber gleichzeitig viele berührende Stellen. Mich hat die Geschichte sehr beschäftigt, selbst die eigenartig distanzierte Art der Autorin zu erzählen, hat dem keinen Abbruch getan. Ich musste einfach wissen, wie es weitergeht. Das Buch wird in diesem Jahr verfilmt und ich denke, es hat auch das Zeug dazu, denn es gibt „Action“ (wodurch eine große Spannung entsteht), und trotzdem gibt es viele sehr emotionale Momente, die dem Ganzen die nötige Tiefe geben.
Einziger minimaler Punktabzug von meiner Seite: Ich kann nicht so recht glauben, dass eine 7jährige die Sätze spricht, die die Autorin ihr in den Mund legt. Dazu ist Renée meines Erachtens zu jung. Aber wer weiß, was die Erlebnisse, die sie offenbar hatte, mit so einem Kind machen?

 

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Wir empfehlen im August:


 Jeanette Jung: Pascale Hugues „Deutschland à la francaise“
Die Welt in überwiegend lustigen Grafiken
Rowohlt Verlag, gebunden, 2017, 208 Seiten
ISBN 978-3-498-03032-2, 19,95 €

 

Vielleicht kennen Sie die Autorin von ihrem Buch „Marthe und Mathilde“  in dem sie die Lebensgeschichte ihrer beiden Großmütter erzählt. Das neue Buch von Pascale Hugues ist weitaus leichter und sehr unterhaltsam zu lesen. Gerade recht für die Sommerzeit, die Urlaubszeit. Die kurzen Kapitel lassen es zu, das Buch auch in Stücken zu lesen. Die Autorin ist aufgewachsen in Frankreich, lebt aber schon lange in  Deutschland. So kennt sie beide Kulturen sehr gut und bemerkt die Eigenarten der beiden Nationen viel deutlicher, als uns das vielleicht auffallen würde. Diesen Unterschiedlichkeiten von Deutschen und Franzosen hat sie ihr neues Werk gewidmet. Und da gäbe es einiges zu berichten. Zum Beispiel der pompöse an einen König erinnernden Elysee-Palast, in dem Frankreichs Regierung „Hof hält“ und dazu im Vergleich der nüchterne Bau des Bundesrates, in dessen Kantine selbst die Bundeskanzlerin ihr Tablett selbst wegräumt und wo an Alkoholausschank nie zu denken wäre. Oder die Erinnerungen an Kindheitsurlaube am lauten und lebhaften Strand der Cote d’Azur mit getrennten Bereichen für faule Sonnenbadende auf Liegestühlen mit Bedienung und Häppchen und direkt nebenan die „Plage“ für das einfache „Fußvolk“ mit entsprechendem Lärm. Dazu im Vergleich Urlaubserinnerungen an den Strand von Langeoog: Fast ausschließlich deutsche Urlauber, die sich in ihren „Sandburgen“ rund um die Strandkörbe verschanzt haben und die bei Wind und Wetter mehrmals täglich Fitnessangebote wahrnehmen. Von Genus und Lebenslust klingt da nicht so viel an. Schön auch der Abschnitt über das „Schaffens-Chromosom“ der Deutschen. Man merkt der Autorin jedoch beim Lesen an, dass sie schon viel deutscher ist, als man vermuten könnte und als sie es selbst von sich gedacht hätte. Eine sehr kurzweilige Lektüre, die mir mitunter schallendes Gelächter beschert hat. Außerdem die Erkenntnis: Ich sollte mal wieder in Frankreich unter Franzosen Urlaub machen😃.

 

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 Frank Schwarz:Abir Mukherjee „Ein angesehener Mann“
Heyne Verlag, Taschenbuch, 2017, 512 Seiten
ISBN 978-3-453-42173-8, 9,99 €

 

Sieht aus wie ein Krimi, funktioniert auch wie ein Krimi und ist doch eigentlich ein großartiger Gesellschaftsroman. Sam Wyndham ist ein Scotland-Yard-Mann. Wir schreiben das Jahr 1919 und seine Welt ist gerade untergegangen. Der Einsatz an der Front des Ersten Weltkriegs und der Grippetod seiner jungen Frau haben ihn aus der Bahn geworfen, er hat in Europa nichts mehr zu hoffen. In Kalkutta hofft er auf einen Neuanfang. Der Mord an einem hochrangigen britischen Beamten wird sein erster Fall. Der britische Autor Abir Mukherjee nutzt diese Kulisse zu einer grandiosen Darstellung des britischen Kolonialregimes. Selbst Teil des Machtapparats, muss Wandham lernen, in dieser fremden Umgebung zurechtzukommen, deren Regeln ihm fremd sind.
Intrigante Kollegen machen ihm das Leben schwer, eine attraktive Beamtin verdreht im den Kopf und schnell findet er sich in heiklen und undurchschaubaren Lagen wieder. Der Alltagsrassismus im kolonialen Indien findet ebenso seinen Platz in diesem Roman wie die Profitgier der Machthaber. Wyndham findet Unterstützung beim indischen Kollegen Banerjee, der ihn in die fremde Welt einführt.
Ein sehr gelungener historischer Kriminalroman, der neben der Spannung in eine fremde Gesellschaft einführt. Faszinierend, ich freue mich auf einen zweiten Band!

 

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 Mirjam Alberti: Lena Gorelik „Mehr Schwarz als Lila“
Rowohlt Verlag, gebunden, 2016, 256 Seiten
ISBN 978-3-87134-175-5, 19,95 €

 

Lena Gorelik, „Mehr Schwarz als Lila“, Rowohlt Verlag, gebunden, 256 Seiten, ISBN 978-3-87134-175-5, 19,95 €
Alex besucht die Oberstufe, trägt nur schwarze Klamotten und liebt ihre Freunde Paul und Ratte. Doch seit dem es passiert ist, ist nichts mehr wie früher. Wenn man nur die Uhr zurückdrehen könnte, hätte Alex doch nicht so risikoreich gespielt…
Was es ist, wird lange nicht klar. Das macht das Buch spannend. Genauso spannend wie die geschilderten Beziehungsgeflechte, das Erwachsenenwerden, die Liebe und die Freundschaften.
Lena Gorelik ist eine wundervolle Erzählerin. Ihre direkte Art enthält so viel Tiefe. Ihre Persönlichkeiten sind außergewöhnlich und schräg und trotzdem haben sie Gefühle, die jeder kennt. Und den von ihr geschilderten Dramen des Alltags fehlen nie menschliche Nähe und Zuversicht.

 

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Wir empfehlen im Juli:


 Frank Schwarz:Graham Swift „Ein Festtag“
Deutscher Taschenbuch Verlag - gebunden!, 2017, 142 Seiten
ISBN 978-3-423-28110-2, 18,- €

 

Die Geschichte wäre schnell erzählt, würde jedoch einiges an Erkenntnis und Lesegewinn vorwegnehmen. Nur so viel: an einem Tag des Jahres 1924 wandelt eine junge nackte Frau durch die Zimmer eines englischen Herrenhauses. Es ist ein zweiundzwanzigjähriges Dienstmädchen nach einem intimen Treffen mit dem Sohn der Nachbarn. Nun ist er auf dem Weg zu seiner Verlobten, es war das letzte Treffen dieses ungleichen Paares. Von einer unbestimmten Leichtigkeit erfüllt, weiss sie noch nicht, daß dieser Tag ihr Leben verändern wird.

Die hochbetagte Schriftstellerin, zu der dieses junge Dienstmädchen geworden ist, weiss um die Bedeutung dieses Tages und sie schaut mit Staunen zurück.

Graham Swift hat mit diesem Kurzroman ein Meisterwerk geschrieben. Eine ganz einfache Geschichte, aber auf vielen Ebenen erzählt und reflektiert. Wie man wird was man wird, in diesem Fall eine Schriftstellerin, wird hier auf sehr kunstvolle Weise erzählt und durchdacht. Auf kleinstem Raum eine ganz große Geschichte. Für alle Leser von Vladimir Nabokov und Ian McEwan, für alle Leser anspruchsvoller englischer Literatur.

 

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 Mirjam Alberti: Gioconda Belli „Mondhitze“
Droemer Knaur, Taschenbuch, 288 Seiten
ISBN 978-3-426-30466-2, 9,99 €

 

Die erstaunliche Autorin Gioconda Belli hat schon viele besondere und unterschiedliche Romane und Gedichte geschrieben, die mich immer wieder sehr bewegt haben. Mit ihren Schriften lotet sie gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, revolutionäre Möglichkeiten und menschliche Nuancen aus. Besonders schön, dass sie die Weiblichkeit feiert und Frauen ermutigt, ihr Leben und ihren Körper anzunehmen und zu genießen, wie sie sind.
 
So auch in diesem erotischen Roman "Mondhitze“. Er handelt von den Geheimnissen, Erfahrungen und Abenteuern einer Frau um die Fünfzig. Emma ist eine attraktive Arztgattin aus Nicaragua, und sie hat etwas gegen die unschöne Rolle, die einer reiferen Frau von der Gesellschaft zugedacht wird. Da ihr Körper erste Zeichen des Alterns zu zeigen beginnt, packt sie die Panik. An einem besonders schwarzen Tag voller negativer Gedanken ändert ein zufälliges Ereignis ihre Situation jedoch komplett.

 

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Wir empfehlen im Juni:


 Frank Schwarz: Monika Geier „Alles so hell da vorn“
Argument Verlag 2017, Taschenbuch, 412 Seiten
ISBN 978-3-86754-223-4, 13,- €

 

Sie ist wieder da. Bettina Boll, alleinerziehende Teilzeitkommissarin aus Ludwigshafen, ermittelt in ihrem siebten Fall da, wo es besonders weh tut. Das ist zum einen die „Westpfalz“, zum anderen das Innere des Polizeiapparates. Worum geht’s diesmal?
In einem Frankfurter Vorstadtbordell erschießt eine junge Hure einen Polizisten und macht sich mit dessen Kanone auf, in der Westpfalz ein Blutbad anzurichten. Wenig später sitzt sie in der JVA Frankenthal und schweigt. Warum sie den Grundschuldirektor erschossen hat, ist nur eine Frage, die Bettina Boll brennend interessiert. Warum ihr erschossener Kollege in einem Bordell mit sehr jungen Frauen Stammkunde war, ist das andere Thema. Dieser Krimi blickt wie kein anderer aus der Bettina-Boll-Reihe in Abgründe. Ihr Chef liegt im Sterben, sie selbst ist in den Fall involviert, größer kann die Katastrophe nicht sein. Das BKA ermittelt im eigenen Haus, gegen Kollegen und vielleicht auch gegen Sie. Und liegt im Haus ihrer verstorbenen Tante in Grünstadt, das sie verkaufen möchte, wirklich eine Leiche im Keller?
Diesmal kommt es knüppelhart: Monika Geiers Romane waren selten so spannend, so wenig pfalztümelnd und so rabenschwarz wie dieser. Ganz nah an der Realität und mit einer sehr kompromisslosen Haltung auf der Seite der wahren Opfer.
Fazit: Spitzenkrimi, der bundesweit Beachtung verdient, ein ernstes Anliegen hat und den ich nur uneingeschränkt empfehlen kann.

 

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 Katharina Schütz: Antonia Neumayer „Selkie“
Heyne-Verlag, kartoniert, 2017, 512 Seiten
ISBN 978-3-453-31799-4, 12,99 €

 

Selkies sind schottische Fabelwesen, Robben, die sich in Menschen verwandeln können, wenn sie ihr Fell ablegen. Angeblich erwachen so die Seelen Ertrunkener wieder zum Leben.
Kate kennt diese Geschichten von ihrer Mutter, die sie ihr und ihrem Bruder Gabriel oft erzählt hat. Doch seit die Mutter vor Jahren verschwunden ist, denkt sie nicht mehr oft daran. Bis sie eines Tages mittendrin steckt, in einem großen und nassen Abenteuer.
Die alten Sagen scheinen real zu sein, Selkies, Meerjungfrauen und andere Gestalten aus den alten Geschichten existieren tatsächlich. Es gibt auf den schottischen Inseln aber auch eine alte Bruderschaft, die Saighdear, die die Inseln und ihre Bewohner vor den Fabelwesen beschützen wollen, auch gewaltsam. Als die Saighdear Kates Bruder einziehen, muss sie sich entscheiden und steht plötzlich zwischen den Fronten.Antonia Neumayer zieht einen in ihren Bann. Ich habe das Buch innerhalb weniger Tage geschafft und teilweise bis tief in die Nacht gelesen. Das schaffen bei mir momentan, neben Kindern und Arbeit, nur die wenigsten Bücher. Meine Empfehlung für alle Fantasy-Fans, die Lust auf eine spannende Geschichte haben, bei der ein bißchen Nervenkitzel, Romantik und einige Twists nicht fehlen dürfen.


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 Jeanette Jung: Benjamin Cors „Küstenstrich“
dtv Verlag, kartoniert, 2017, 382 Seiten
ISBN 978-3-423-21670-8, 9,95 €

 

Der  zweite Fall des Personenschützers Nicolas Guerlain!
Mit diesem Buch ist Benjamin Cors wieder eine Geschichte mit viel Spannung gelungen. Vor der trügerischen Idylle von Deauville geht es diesmal um nichts Geringeres als Kinderprostitution. Nicolas vermutet zu Recht das Schlimmste hinter den Fassaden der Schönen und Reichen in der Normandie. Dazu kommt noch die politische Komponente, denn die Räumung des Lagers von Flüchtlingen in Calais spielt ebenso eine Rolle wie die Flucht durch den Tunnel nach England. Entscheidend ist das was im Kopf geschieht, während man all diese Puzzleteile versucht zusammen zu setzen. Daher ist das alles vielleicht doch nichts für so ganz empfindliche Gemüter. Die vom letzten Buch bereits bekannte Nebenhandlung über das plötzliche Verschwinden von Nicolas langjähriger Lebensgefährtin durchzieht auch diesmal den Roman. Zumindest aber hier scheint sich nun ein Licht am Ende des Tunnels abzuzeichnen. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung – man müsste halt einfach mehr Zeit zum Lesen haben, aber wem sage ich das 😃.

 

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 Mirjam Alberti: Stephanie Danler „Sweetbitter“
Aufbau Verlag, gebunden, 416 Seiten
ISBN 978-3-351-03672-0, 21,95 €

 

Stephanie Danler schildert den Mikrokosmos eines edlen New Yorker Restaurants in allen Facetten.
Tess kommt als junge Frau nach New York. Endlich ist sie der provinziellen Enge entflohen. Unglaublicherweise bekommt sie den Job als Hilfskellnerin im Restaurant ihrer Träume. Kopfüber taucht sie ab in diese ganze eigene Gemeinschaft. Täglich wird hier konkurriert um das exquisiteste Gourmetwissen, die exzessivste Feierabendparty,  den größte Sexappeal.
Die Autorin schafft es mit ihren Schilderungen die Sinne anzusprechen. Egal ob es der Geschmack einer Auster oder die Zerschlagenheit nach einer durchzechten Nacht ist, der Leser empfindet mit. Und erforscht gemeinsam mit Tess, welche Schattenseiten selbst die coolsten Stars dieses Mikrokosmos belasten.

 

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Wir empfehlen im Mai:


 Mirjam Alberti: Max Annas „Illegal“
Rowohlt Verlag, gebunden, 240 Seiten
ISBN 978-3-498-00101-8, 19,99 €

 

Kodjo lebt in Berlin - allerdings illegal. Dies wird besonders gefährlich, als er aus seinem provisorischen Versteck einen Mord im Haus gegenüber beobachtet. Vielleicht müsste er gar nicht eingreifen, wenn nicht zu allem Überfluss die Polizei ihn als Verdächtigen suchen würde. Und der Mörder auch seine Fährte aufnimmt. Eine rasante Verfolgungsjagd nimmt ihren Lauf.
Max Annas ist ein spannender Krimi gelungen, der immer mehr Tempo bekommt. Im letzten Viertel konnte ich das Buch kaum noch aus der Hand legen.
Sehr eindrücklich fand ich aber auch die einfühlsame Schilderung des Lebens als Illegaler. Da es nicht am anderen Ende der Welt, sondern in bekannten Gefilden in Berlin spielt und die Hauptperson schon lange in Deutschland lebt und arbeitet, rückt alles sehr nah. Max Annas hat mit diesem Roman ein ganz besonderes Buch vorgelegt.

 

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 Frank Schwarz: James Runcie „Der Schatten des Todes. Sidney Chambers ermittelt. “
Atlantik Verlag 2017, Taschenbuch, 416 Seiten
ISBN 978-3-455-00045-0, 12,- €

 

Guilty Pleasure? Also ein Vergnügen, dessen man sich eigentlich schämen müsste? Ja, genau darum geht es bei diesem Buchtipp. Dieses nette Büchlein, in dem der sympathische englische Pfarrer Sidney Chambers sechs Kriminalfälle löst, ist weder spannend noch besonders innovativ. Aber von den ersten Seiten der Rahmenhandlung an war ich gefangen, vom Ort, von der Zeit und vom Erzählton.

Sidney Chambers ist 1953 Pfarrer in der englischen Provinz, in Grantchester in der Nähe von Cambridge. Zusammen mit seinem Freund Inspektor Keating betreibt er die Aufklärung von Kriminalfällen, die oft eine besonders knifflige moralische Dimension haben. Häufig trifft er dabei auf die junge Kunsthistorikerin Amanda Kendall, die für erotische Spannung sorgt und zu seiner besten Freundin wird. Die Kriminalfälle sind wirklich nicht der Rede wert, aber: die fünfziger Jahre kehren hier zurück mit allerlei schönen Details, von der Mentalität bis zur Ausstattung. Chambers ist Jazz-Liebhaber (und ein Mord geschieht in einem Jazz-Club in Soho) und das ist für einen Landpfarrer schon sehr ungewöhnlich. Betreut von seiner bärbeißigen Haushälterin sucht er seine Rolle zwischen Seelsorger und liberalem Theologen.
In England sind aus dieser Buchserie schon sechs Bände erschienen, die den Lauf der Zeit bis in die sechziger Jahre nachverfolgen. Alles kalter Kaffee, mag mancher denken, aber ein Fest für anglophile Nostalgiker, die sich gerne intelligent verwöhnen lassen. Die von ITV produzierte Serie „Grantchester“ ist noch nicht in Deutschland im TV gelaufen, aber das zweite Buch mit Pfarrer Chambers in auch bei uns schon erschienen, das Vergnügen geht weiter. Und warum sollte man sich schämen, wenn es auch mal „cosy crime“ sein darf?

 

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 Jeanette Jung: Stephan Abarbanell „Morgenland“
Heyne Verlag, kartoniert, 2017, 456 Seiten
ISBN 978-3-453-41990-2, 9,99 €

 

Dieses Buch vereint viele Bereiche: Es gibt uns eine eindrucksvolle Geschichtsstunde, dazu liest es sich spannend wie ein Spionage-Thriller und obenauf als Sahnehäubchen sozusagen liegt eine zarte, kaum merkliche Liebesgeschichte. Der Rahmen, der diese Geschichte hält, besteht aus Tatsachen, das macht den Roman so eindrücklich, auch wenn die Protagonisten der Fantasie des Autors entsprungen sind. Doch man weiß: genau so, oder so ähnlich könnte sich alles zugetragen haben. Stephan Arbarbanell entführt uns ins Deutschland des Jahres 1946, der Krieg ist gerade erst zu Ende gegangen. Nicht nur die Gebäude liegen in Trümmern, auch viele Seelen sind „schwerstverletzt“. Die junge Widerstandskämpferin Lilya reist von Palästina in dieses Trümmer-Deutschland, um einen Wissenschaftler zu suchen. Elias glaubt nicht an die Nachricht vom Tod seines Bruders und hat deswegen die junge Frau auf die Suche geschickt. Doch schnell stellt sich heraus, wie gefährlich das Unterfangen ist, denn Lilya ist nicht die einzige, die Raphael Lind finden will…Ein sehr intensives Lese-Erlebnis. Im Anhang führen uns Original-Fotos aus der damaligen Zeit an die Orte, die Lilya aufgesucht hat. Eine tolle Ergänzung!

 

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Wir empfehlen im April:


 Mirjam Alberti: Martin Suter „Der Elefant“
Diogenes Verlag, gebunden, 352 Seiten
ISBN 978-3-257-06970-9, 24,- €

 

Er ist so groß wie ein Din A 4-Blatt. Seine Haut ist rosa und er leuchtet im Dunkeln. Und wenn er nicht respektvoll behandelt wird, dann verhält er sich ungewöhnlich. Denn er hat den Verhaltenskodex seiner tonnenschweren Verwandten geerbt. Ansonsten sind seine Gene Opfer eines Experiments und die verschiedensten Menschen sind hinter dem Genmaterial her.
Martin Suter erzählt spannend von der profitgierigen Jagd auf dieses besondere Lebewesen. Aber er erzählt auch von der Rührung und dem Elterninstinkt, den dieses besondere Wesen bei den Menschen auslöst, die ihn pflegen. Ob Obdachloser oder Elefantenflüsterer, der Elefant löst ungekannte Gefühle aus und eröffnet neue Wege.Spannend und hintergründig hat Martin Suter ein besonderes Buch geschrieben, in dem er nebenbei gekonnt die Gentechnologie kritisiert. Und dabei wie immer leichthändig unterhält.

 

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 Jeanette Jung: Ludwig Burgdörfer „Bohnerwachs und Streuselkuchen“ Biografisch-theologische Fundstücke aus meiner Kindheit
Verlagshaus Speyer, gebunden, 2017, 104 Seiten
ISBN 978-3-939512-88-2, 12,90 €

 

Das neue Buch von Ludwig Burgdörfer ist ein sehr persönliches geworden. In kleinen Geschichten breitet er seine Erinnerungen an Kindheit und Jugend auf dem Bauernhof in der Nordpfalz vor uns aus. Dabei ist der Blick zu Gott und der Glauben, der den Alltag stets in vielfältiger Form begleitet immer präsent. Wir werden Zeuge einer längst untergegangenen Zeit der Testbilder im Fernsehen, der Hosenverkäufer, die von Haus zu Haus ziehen, von dunklen schlecht beleuchteten Straßen, von Schiefertafeln und vom Geruch des Bohnerwachses. Nachdenklich machten mich vor allem die Geschichten über die Plackerei auf dem Bauernhof, das Arbeiten rund um die Uhr und das harte Urteil über einen etwaigen Müßiggang, den man sich auf gar keinen Fall erlauben konnte, denn „Das Leben ist ein Kampf“ so stand es im Poesiealbum und so wurde gelebt im Hause Burgdörfer. Vor diesem Hintergrund erscheint es mir wie ein Wunder, dass aus diesem streng erzogenen kleinen Jungen der offene Ludwig Burgdörfer geworden ist, den wir heute kennen dürfen. Reisen Sie mit ihm in eine Kindheit, die zwar schon lange vergangen ist, die aber Menschen meiner Generation noch kennen lernen durften.

 

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 Frank Schwarz: Luca D’Andrea „Der Tod so kalt“ Thriller
Deutsche Verlagsanstalt’2017, Klappenbroschur, 480 Seiten
ISBN 978-3-421-04759-5, 14,99 €

 

Der amerikanische Dokumentarfilmer Jeremiah Salinger braucht eine Auszeit. Nachdem er bei einem Lawinenunglück in Südtirol um Haaresbreite überlebte, quälen ihn Schuldgefühle. Seiner Südtiroler Ehefrau und seiner Tochter verspricht er, die nächsten Monate seiner  psychische Heilung zu widmen. Zufällig erfährt er von einem monströsen Verbrechen, das vor 30 Jahren die kleine Welt des Bergdorfes erschütterte:  drei  junge Menschen wurden in einer stürmischen Nacht in der berühmten Bletterbachschlucht regelrecht massakriert, die Tat wurde nie aufgeklärt.
Der erfahrene Journalist Salinger beginnt, diesem Thema nachzugehen und wühlt erwartungsgemäß viel Schmutz im kleinen Dorf auf. Aber er hätte nie vermutet, wie sehr dieses Interesse an dem  alten Fall zu einer Gefahr für ihn und seine Familie wird.Ein eiskalter, sehr spannender Thriller aus der Bergwelt der Dolomiten. Absolut authentisch im Schauplatz und stimmig in der immer spannender werdenden Handlung. So habe ich eine Recherche im Dunkel der Vergangenheit noch nicht gelesen. Großartiges Finale mit allen Registern der Thriller-Kunst. Große Empfehlung!!

 

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